Gedankenvetzen

Twitter und die Rechtschreibung, ein immer wiederkehrendes Thema. Das unangenehme Gefühl, wenn du einen Tweet mit einem Tippfelher nicht mehr korrigieren kannst, weil er schon Retweetet wurde. Oder diese Hemmung einen mit Tippfehler zu retweeten. Ich kenne das und ich kenne viele, die das auch kennen.

Den Oberlehrer war vermutlich einer der ersten Accounts die ich jemals geblockt habe. Ein Account, der verdeutlicht, was oft und zu Recht verächtlich als "deutsch" beschrieben wird. Häme gegen Fehler von anderen aufgrund des eigenen Wissens. Der scherzhafte Begriff des "grammar Nazi" begleitet Mailinglisten, Foren und soziale Netze seit jeher. Hart wie Kruppstahl und wortgewandt wie der Duden, Korrektur mit rollendem "R".

"Korrekte" Rechtschreibung, was auch immer das sein soll, ist vielen offenbar eine wahre Herzensangelegenheit. Was falsch geschrieben ist, ist dann halt vor allem erst mal falsch.

Kreativer Umgang mit Sprache fällt aus dieser Einordnung heraus. Die meisten Formen der geschlechtergerechten Sprache beispielsweise wären demnach kein Ausdruck eines Misstandes, sondern halt vor allem erst mal falsch und so argumentieren ja auch viele. Das Brechen der Regeln ist nötig um ihre Limitationen zu umgehen und sie weiterzuentwickeln. Es ist nicht so lange falsch, bis er als richtig anerkannt wird.

Und allein die unzähligen Anglizismen, die sich mit der Verbreitung des Internet etabliert haben. Der Duden als fein säuberlich dokumentierter Maßsstab für "korrekte" Sprache zieht hier immer wieder nach. Der Duden passt sich der Sprache der Menschen an, nicht umgekehrt. Deshalb kann ich auch schon mal in offiziell als korrekt anerkanntem Deutsch über Moorhühner getwittert haben.

Sprache wird von Menschen gemacht, nicht von Gremien. Sprache beeinflusst unser Denken und dieses Denken kann sich nicht von elitären Gatekeepern einschränken lassen. Dass eine genormte Version der Deutschen Sprache™ definiert wird - geschenkt. Dass darauf bestanden wird, dass nur sich legitim äußern kann, wer sich an diese hält? Nein.

Rechtschreibung schafft Hierarchien. Rassistisch, klassistisch, ableistisch. Dennoch wird auch in awaren, akademischen und_oder linken Kreisen die Rechtschreibung immer wieder ohne direkten Bezug zum Inhalt hervorgehoben. Haha, ein Schreibfehler in der großen, konservativen Tageszeitung. Haha, der Nazi twittert ja gar kein "richtiges" Deutsch. Ausgerechnet der! Sind die aber alle doof, was? Haha.

Rechtschreibung als Selbstzweck, eingepackt in ein gutgebiletes Selbstverständnis. Wie Deutschlehrer_innen beim Diktat in der Schule: "Du kannst das doch besser, du bist doch klug!" Gib dir halt mal mehr Mühe. Oder bist du etwa auch doof? Haha. Schön entspanntes Klima in der Blogosphere.

Es sollte eigentlich offensichtlich sein, dass Texte anhand der "Korrektheit" ihrer Rechtschreibung zu bewerten irgendwie Mist ist. Dass den Inhalt an seiner Form zu messen mitunter ziemlich problematisch ist. Wer das dennoch tut oder es gar als Argument gegen die geäußerten Inhalte nutzt derailt von Anfang an. Kannst du schon machen, ist dann halt eher scheiße.

Rechtschreibung ist nicht gleich Sprache und eine "richtige" Rechtschreibung ist nicht nötig um einen Gedanken zu formulieren. Scheiß auf Rechtschtschreibung. Sprache ist im Fluss, reißt die Dämme ein. Und weiter als das führt mich dieser Gedankenfetzen jetzt gerade auch nicht.

P.S.: Alle Tipp-, Grammatik-, Komma- und Rechtschreibfehler sind beabsichtig. #yolo

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.