Krautkrepierer

Das KrautCrowdfunding der Krautreporter läuft noch wenige Tage, das Scheitern ist aber schon mehr oder weniger absehbar. Vermutlich musste es scheitern, das war schon von vornherein (mehr oder weniger) absehbar. Sei es das zu hoch gesteckte Ziel, die wenig überzeugende Präsentation, die mangelnde Kritikfähigkeit, die wenig diverse personelle Ausrichtung, die technischen Probleme... und selbst wenn das Ziel noch erreicht wird, ist die Frage, ob die Krautreporter ihr erklärtes Versprechen erfüllen können.

Weil wir aber alle von einer noch viel freieren Presse träumen, von unabhängigeren Journalist_innen und innovativen Medien, können wir das Scheitern des ambitionierten Projektes natürlich nicht hinnehmen. Oder so. Manchen ist es nicht zu peinlich, das drohende Scheitern auf uns alle abzuwälzen, die das Projekt nicht unterstützt haben. Es wird mühsam das Bild konstruiert, die Zukunft des unabhängigen Journalismus würde davon abhängen, ob das Startup von ein paar erfahrenen Pressemenschen ein Erfolg wird.

Das ist natürlich Unfug. Das von Anfang an absehbar gewesene Scheitern ist vollständig selbstverschuldet.

Kleinvieh hätte Mist gemacht

Die Krautreporter setzen auf eine eigene Crowdfunding-Plattform. Ich frage mich, ob die Macher_innen sich vorher jemals auch nur ein einziges erfolgreiches Projekt bei Kickstarter angeschaut haben. Es wirkt eher so, als hätten sie nur den Wikipedia-Artikel gelesen. Es fängt an bei der kompletten Finanzierung vom Start weg statt einer Mindestfinanzierung. Kein noch so detailliert dargelegter Finanzplan nimmt die Größe der Summe von fast einer Millionen Euro.

Der größte Fehler war wohl das Minimum für Spenden bei 60€ anzusetzen. 60€ mag für einer berufstätigen Journalist_in nicht sonderlich viel erscheinen, für die meisten Menschen ist das ein beachtlicher Batzen Geld. Ich bin mir sicher, die Krautreporter hätten ihr Ziel erreicht, wenn kleinere Spenden möglich gewesen wären. 5 Euro hier, 20 Euro da. Vorab für die Idee und später vielleicht doch noch ein Abo. Jetzt mal ein paar kleine Beträge um mal zu schauen, ob das dann am Ende wirklich was wird, statt sich direkt für ein ganzes Jahr zu verpflichten.

Mit dem Zwangs-Abo macht Krautreporter klar, dass es weniger um Unterstützung geht, sondern darum, von vornherein eine zukünftige Leserschaft auszubauen. Da wird der "lächerliche Fünfer pro Monat" bemüht, aber realitätsfern übersehen, dass die drei Zwanziger am Monatsanfang alles andere als lächerlich sind. Unterstützung um des Unterstützens Willens wollen die Krautreporter nicht. Ich weiß nicht, ob das wirklich Absicht war, das Ergebnis ist eine Trennung zwischen Produzierenden und Konsumierenden, die auch in weiteren Texten auf der Seite aufgebaut wird: "Wir sind die Reporter, ihr seid die Crowd." Und alle so: Yeah!

Das hat jetzt also offenbar nicht so gut funktioniert. Statt auf eine breite Basis wird in den letzten Tagen des Fundings eher auf Großsponsoren gesetzt.

50.000€ auf einmal um 999 Abos verschenken zu können? Was unterscheidet einen Großsponsor von Werbung? Wird so ein Sponsor wirklich keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder den Verlauf das Projekts haben können oder wollen? Warum sollte dann irgendwer so viel Geld auf das Projekt werfen? Fragen über Fragen, die letztendlich aber auch nicht mehr wirklich interessieren.

Ideenlos in die Zukunft

Das Geld, das die Reporter von uns haben wollen ist für das Magazin, die Inhalte die sie Produzieren wollen. Ein Magazin mit Artikeln in den klassischen Ressorts. Natürlich top recherchiert, versprechen sie. Natürlich mit Hintergrundberichten, die es sonst nicht gibt, behaupten sie. Natürlich unabhängig von Außen, glauben sie.

Das sind alles ganze nette Ideen, aber keine Innovation. Wird es spannende Podcast-Formate oder multimediale Aufarbeitungen zur demonstration politischer Probleme geben? Seh ich irgendwie nicht, die nie zu vor da gewesene Idee. Den Journalismus 2.0. Eigentlich seh ich da nur mehr vom alten, aber diesmal halt selbstständig mit einer GmbH statt in einem Anstellungsverhältnis mit Springer oder Holtzbrinck.

Eine Paywall, eine Finanzierung abseits von Werbung, das ist doch keine Innovation in sich. Das zu glauben und zu behaupten ist ein wenig naiv. Ja, natürlich wäre alles schöner ohne Werbung und den ganzen Konsum und so... für das Geld, das den Krautreportern nicht genug war les ich aber lieber weiter The Magazine auf dem iPad und schaue die Videoanalysen von Anita Sarkeesian auf YouTube.

Selbstkritik im Elfenbeinturm

Neben der technischen und konzeptionellen Kritik war ein Vorwurf schwer von der Hand zu weisen: Die generisch maskulin gegenderten Krautreporter sind nicht sonderlich divers, sondern sehr männlich und sehr, sehr weiß. Gut gebildet und vermutlich auch gut bezahlt. Entsprechend eingeschränkt ist von vornherein die Perspektive, die inhaltlich möglich sein kann.

Auch wenn die fehlende Diversity ein großer Kritikpunkt war ist sie nicht der Grund für das drohende Scheitern. Sollten die Krautreporter zu Krautkrepierern werden, dann weil sie zu wenig visionär sind, zu reaktionär, zu konservativ, zu wenig bereit zum Risiko, zu offline.

Des einen Leid, des anderen Freud'

Während die Krautreporter ihrem Ziel nicht näher kommen und sich die Kritiker_innen schon längst desinteressiert abwendeten erwachen die Kritiker_innen der Kritiker_innen und wissen natürlich genau was vor sich geht.

Das nun wirklich nicht mehr als ganz nette Projekt wird zur einzigen Hoffnung der freien Presse erhoben, oder so. Weil wir die Leute ja alle schon kennen, weil wir professionelle Journalist_innen brauchen und weil die Werbe- und Medienindustrie die Inhalte, die Geschichte und überhaupt sogar auch die Mondlandung manipuliert. Sie merken, liebe Leser_innen, ich übertreibe. Aber das tun ja viele Befürworter_innen der Krautreporter auch.

Dann wird dieses angeblich so wichtige Projekt lieber als Projektionsfläche genutzt, und zwar um unterschwellig den überkritischen Nörgler_innen ins Gewissen zu reden, die ja immer nur destruktiv drauf sind - was natürlich von Feminismus bis Critical Whiteness alles mit meint, was neuerdings gern "Social Justice Warrior" genannt wird.

Ätschibätsch, selber Schuld

Ich finde die Idee eines Leser_innen-finanzierten Magazins nicht schlecht und die Resonanz zeigt, dass Krautreporter ohne weiteres ein Erfolg hätte sein können. Aber dem Erfolg wurden selbst so viele Steine in den Weg gelegt, dass ich nur ein klein wenig paranoider sein müsste, um mir sicher zu sein, dass die Krautreporter eine Verschwörung der klassischen Verlagslandschaft zur Diskreditierung der Netzgemeinde™ gewesen sind.

Wer Vertrauen im Wert von über einer halben Millionen Euro vorgeschossen bekommt und das dann zum historisches Scheitern hochstilisiert hat jeden Bezug zur Realität verloren. Realitätsfernen und elitären Journalismus haben wir schon. Journalismus ohne neue Ideen, ohne Mut, ohne Risikobereitschaft. Journalismus von einer kleinen Gruppe, der meint für alle sprechen zu können. Journalismus, der sehr kritiklos zu einem Gut an sich überhört wird.

Wir brauchen mehr, guten und neuen Journalismus. Aber das Problem ist nicht das Geschäftsmodell und die Krautreporter sind nicht die Antwort.


Die Krautreporter haben es (mit Hilfe von einigen Großspenden) geschafft. Gratulation. Jetzt können wir die Diskussion, ob das Konzept etwas neues zum Journalismus beizutragen hat aussetzen und in einem Jahr schauen, wie sie sich geschlagen haben.

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.