Nostalgie und Popmusik

Ich nehme eine merkwürdige Entwicklung in der aktuellen deutschsprachigen Radiomusik wahr. Eine Weile konnte ich nicht genau festmachen, was es ist, versuche es hier nun aber dennoch endlich.

Tote Hose und früher war mehr Punk

Ich habe gemutmaßt, dass ein Gefühl der Unsicherheit, das durch das abstrakte Konstrukt "Wirtschaftskrise" erzeugt wird, die Ursache dafür war, dass so überwältigend viele Menschen die CDU, oder genauer gesagt: Angela Merkel gewählt haben. Die deutschsprachige Musik findet einen ähnlichen Umgang mit der Krise in der reflexionsfreien Nostalgie und dem damit verbundenen totalen inhaltlichen Stillstand - allen vorran eine vermeintliche, ehemalige Punk-Band, die ihren Standpunkten ähnlich treu blieb, wie die CDU der Atomkraft.

Foto von BratwurstmitSenf (cc-by-nc-sa)

Die Toten Hosen: Das Wort zum Sonntag (1986):

Ich bin noch keine 60 und ich bin auch nicht nah dran und erst dann möcht ich erzählen, was früher einmal war.

Die Toten Hosen: Tage wie Diese (2012):

Komm dir entgegen, dich abzuholen, wie ausgemacht, zu der selben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes mal.

Die Toten Hosen: Altes Fieber (2013):

Und immer wieder sind es dieselben Lieder die sich anfühlen als würde die Zeit stillstehen.

Da fällt mir unweigerlich ein Songtext einer anderen deutschen Poppunk-Band ein:

Hip hip hurra! Alles ist super. Alles ist wunderbar. Hip hip hurra! Alles ist besser als es gestern war.

Nur mit dem Unterschied, dass die Toten Hosen das scheinbar ziemlich ernst meinen. Früher, damals, das war doch ganz okay. Der Blick zurück statt dem Blick nach vorne. Bei dieser Verschlagerisierung ist es auch nicht verwunderlich, dass die CDU den Song "Tage wie Diese" aufgreift und in dem Moment spielt, als es fast eine absolute konservative Mehrheit im Bundestag gibt. Es ist doch eben genau das vom CDU-Marketing verkaufte Sicherheitsgefühl.

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit, An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit. [...] Komm ich trag dich,durch die Leute, hab keine Angst, ich gebe auf dich Acht.

Alles wird gut, wir passen schon auf dich auf. Mach dir keine Gedanken über morgen - aber das nicht aus einem sorglosen Optimismus heraus, sondern eben aus der Nostalgie, in er wir schwelgen. Feel good. Da wird auch mal eine Punksong-Phrase völlig verdreht:

Wir lassen uns treiben, tauchen unter, schwimmen mit dem Strom.

Dass eine Punkband noch mal "mit dem Strom" schwimmt hätte ich mir nicht träumen lassen, ist mein Referenzpunkt dazu doch auch eines der Vorbilder der Toten Hosen.

Bad Religion: Against the Grain (1989):

Agains the grain, that's where I'll stay, swimming upstream, I maintain against the grain.

Mit Bad Religion haben die Toten Hosen 1998 im Song "Raise Your Voice" noch gemeinsam gesungen:

And nobody's gonna pay attention when you are dead, so raise your voice!

Das war zwar auch furchtbar platt, aber immerhin steckte da zumindest noch die Simulation von Leben drin. Heute stoßen die Toten Hosen nur auf diejenigen an, die eben schon Tot sind und wirken dabei nicht viel lebendiger.

Liebe Grüße an Kurt Cobain

Die Toten Hosen sind bei weitem nicht die einzige Gruppe, bei der das auffällt. Eine ganze Reihe junger Musiker_innen driftet ebenfalls in diese Richtung. Julis "Geile Zeit" auch fast schon wieder 10 Jahre her. Songs, die einfach nur besingen, dass es früher doch eigentlich ganz schön war, statt zu besingen, was jetzt gerade alles ziemlich scheiße ist - zumindest für diejenigen, die nicht so privilegiert sind, nur in Erinnerungen schwelgen zu können.

Jupiter Jones: Rennen + Stolpern (2013):

Lasst uns verstehen und uns erinnern, für immer reicht genau von hier zum Grund wo man vergisst was gut gewesen ist.

Revolverheld: Das Kann Uns Keiner Nehmen (2013):

In der Kneipe an der Ecke, uns'rer ersten Bar, sieht es heute noch so aus wie in den Neunzigern. [...] Das kann uns keiner nehmen.

Bosse: Schönste Zeit (2013):

Und deine Tränen waren Kajal, an dem Tag als Kurt Cobain starb lagst du in meinen Armen, das war die schönste Zeit weil alles dort began.

Adel Tawil: Lieder (2013):

Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen wie ich bin.

Die verklärende Nostalgie der Songs mischt sich mit Selbstreferentialität und immer wieder dem Bezug auf Nirvana - die Band, die für die Kommerzialisierung des Grunge steht. Zwischen dem fröhlichen Retro-Zitate-Quiz mit einem Zuckergussüberzug aus Vinyl-Romantik und einer Träne für den Helden Kurt Cobain schlägt Casper dann direkt die Brücke zum Deutschpunk, weil das zur Phrase verkommene allseits bekannt ist und irgendwie so schön nach Aufbruch klingt.

Casper: Im Ascheregen (2013):

Lieber Neubeginn, als was das alte verspricht. Auf Nimmerwiedersehen und danke für nichts, danke für nichts. Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin...

Besitzstandswahrung

Bei soviel inhaltlosem gutfinden was war und darüber ignorieren was ist muss ich unweigerlich an Sven Regener denken, der cholerisch das Urheberrecht verteidigte, aus Angst seinen Stand zu verlieren. Er verkannte dabei, dass ein kultureller Status wie der einer Rockband nur zu einem kleinen Teil Eigenleistung ist. Regener ist als Künstler nicht mehr ernst zu nehmen, geht es ihm doch um das Handwerk, die Arbeit, die seine manchmal ganz schönen klingenden Phrasen und manchmal ganz schön klingenden Akkorde ihn kosten. Den Künstler_innen würde ins Gesicht gepinkelt werden, sagt Regener, so wie Künstler_innen aus der Subkultur früher an Kirchenwände gepinkelt haben. Punk Rock, gegen Institutionen, Strukturen, Altes und Bestehendes sein halt. Aber all diese Bands machen es sich lieber in der spießigen Idylle bequem, gegen die sie irgendwann mal waren, bevor es dort zu bequem wurde.

Ein wirklich konkreter Gedanke mag bei dem Text nicht herausgekommen sein, aber besser kann ich das unbehagliche Gefühl, dass dieser Nostalgie-Trend in mir auslöst gerade nicht beschreiben.

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.