Schallplatten

Am 19. April war Record Store Day und ich habe viel Geld bei Shock Records ausgegeben. Mal wieder. Ich kaufe zur Zeit mehr Schallplatten als je zuvor. Sicher, das ist jetzt gerade eine Phase. Ich hatte beim Konsum von Musik verschiedenste Phasen. Damals, in der Schule, als ich bei eBay nach Bootlegs von Bad Religion suchte. Als ich regelmäßig CDs kaufte. Dann CDs doch wieder ziemlich unsinnig fand und zum Vinyl wechselte, aber nur Gebrauchtes auf Musikbörsen kaufte. Und danach eine Zeit lang Musik ausschließlich bei iTunes lud. Zumindest solange bis Spotify kam. Und jetzt kaufe ich halt wieder Schallplatten.

Ich könnte mich fragen, warum ich nach einer langen Zeit des digitalen Musikkonsums ausgerechnet wieder Schallplatten kaufe. Die Alben, die ich kaufe, höre ich meistens auch auf Spotify, und dort in den meisten Fällen um ein vielfaches mehr. Vielleicht ist es das physische, das anfassen. Ein Artwork, das Teil des abstrakten (und vermutlich bald schon anachronistischen) Gesamtkonzepts "Album" ist. Ein haptisch angenehmes Objekt, wie die Hülle der Schallplatte und das Vinyl selbst. Das klingt nostalgisch, aber ich mag Schallplatten ja nicht weil sie alt sind. Maybe I just like nice things.

Vielleicht ist das reizvolle auch die Limitierung, die eine Schallplatte gegenüber anderen Medien hat. Ich kann keine Songs überspringen, Staub knistert beim Hören, Platte und Nadel nutzen sich mit der Zeit ab. Dinge gehen kaputt. Melodramatisch: das Vergängliche. Entweder ich höre die Songs von Anfang bis Ende oder nicht (auf Vinyl). Auf jeden Fall höre ich sie zwangsweise über meine Anlage in meinem Wohnzimmer in einem Moment, in dem ich zumindest so viel Zeit und Ruhe habe, um die eine Platte zurück in ihre Hülle zu schieben und eine neue auf den Plattenspieler zu legen. Ein Phänomen, dass mir die Platten auch beschert haben, ist das Wiederentdecken. Das ist weniger der Schallplatte an sich, als der kleinen Sammlung zu verdanken. Seit ich Spotify benutze höre ich diverser, breiter, willkürlicher Musik als je zuvor. Das ist toll. Aber es ist auch toll, im Plattenregeal (oder auch in den paar vor Jahren bei iTunes gekauften Alben) über diese eine Band zu stolpern, die schon ganz aus dem Gedächtnis verschwunden war.

Ein großer Teil der Musik, die ich auf Schallplatten besitze, ist mehr oder weniger unbequeme Musik. AFCGT. Bardo Pond. Death Grips. Xiu Xiu. The Knife. Oder Musik, in der sich bei jedem Durchhören etwas neues entdecken lässt. Kurt Vile's Waking On A Pretty Daze. Boris' New Album. Warpaint, Burial und Death Hawks. Jedes mal wenn ich eine Schallplatte höre zwinge ich mich ein wenig aus meiner Bequemlichkeit, die ich spätestens dann wieder zu schätzen weiß, wenn ich mich an das manuelle Meta-Taggen von heruntergeladenen MP3-Dateien in Winamp anfang der 2000er erinnere. Ich zwinge mich zu einem aufwändigeren Auswahlprozess. "Was will ich jetzt hören?" ist mehr als ein Klick, entsprechend überlege ich zumindest einen kleinen Moment länger. Ich zwinge mich auch für eine Gewisse Zeit bei einer Sache zu bleiben, zu einem bisschen Fokus und Konzentration. So wie andere ab und zu ihren Browser schließen, um sich nicht ablenken zu lassen, so schalte ich ab und zu Spotiy aus.

Sicherlich spielt auch ein Stück weit der Spaß am Sammeln herein. Manche Menschen mögen volle Bücherregale, sammeln Warhammer-Figuren, heben ihre alten iPhones auf oder stapeln Rotwein im Keller. Ich mag das Gefühl eines schweren Stapels aus Kunststoffscheiben und Pappquadraten im Regal, der ein Stück weit die Musik repräsentiert, die mir etwas bedeutet. Auch, wenn der Computer ausgeschaltet ist (was zugegebenermaßen sehr selten vorkommt). Am Ende des Tages höre ich die meiste Musik dann halt doch über Spotify, SoundCloud oder Bandcamp, auf abgeranzten iPhone-Kopfhörern oder über die Lautsprecher im Notebook. Schallplatten sollen und könnnen gar nicht mehr als eine Ergänzung dazu sein. Das winzige bisschen Musik, das aus der digitalen in die physische Welt meines Wohnzimmer getropft ist.

Im Internet habe ich die Wahl zwischen nahezu aller Musik die jemals aufgenommen wurde (außer diesem auf 300 Stück limitierten und exklusiv auf Vinyl veröffentlichten Album von Boris vielleicht, aber das ist eine andere Geschichte). Wenn ich Schallplatten kaufe, dann mache ich das im kompletten Kontrast dazu so umständlich wie möglich. Ich verzichte auf Amazon und besuche einen Plattenladen. Dort kaufe ich selten etwas, das ich mir nur manchmal etwas, das ich mir vorher überlegt habe und so gut wie nie etwas, das ich schon kenne. Vinyl ist für mich ein Entdecken neuer Künstl_erinnen. Ich gehe nach dem Cover, schaue mir Namen an, die ich irgendwo mal irgendwie gehört habe oder lasse mir Alben empfehlen. Dann höre ich rein, selten in mehr als zwei Tracks und treffe dann meine Kaufentscheidung. Auch hier zwinge ich mich selbst aus meiner vermeintlichen comfort zone: mit dem Zweit-Exemplar in der Hand vom Thresen zum Plattenspieler gehen dauert sogar in einem kleinen Geschäft länger, als auf dem Smartphone YouTube aufzurufen.

Viele der Bands und Künstl_erinnen, die ich in letzter Zeit entdeckt habe, habe ich so auch zum ersten mal auf Schallplatte gehört. Ich besuche einen Plattenladen, treffe mich dort mit Freunden. Wir trinken einen Kaffee oder einen Gin Tonic und vergleichen unsere Listen mit interessanten Alben, die wir auf unseren Smartphones haben. Schauen bei Spotify nach, wie diese eine Band hieß, die wir beim Reinhören ganz interessant fanden. Quatschen mit dem Besitzer des Ladens. Bestellen Alben, die nicht vorrätig sind und warten Wochen lang auf die Ankunft des schwer zu bekommenden Imports (und ich bin mir bewusst wie völlig lächerlich das eigentlich ist). Wir hören in die Platten aus dem Regal mit den Neuerscheinungen, die das interessanteste Cover haben. Das ist dann oft Scheiße, manchmal langweilig, aber selten auch die beste Neuentdeckung der letzten Monate. Dieser Prozess zur Musikfindung ist natürlich völlig anachronistisch und schrecklich ineffektiv. Aber das heißt ja nicht, dass er nicht trotzdem gut funktionieren kann.

Ich bin alles andere als audiophil, eigentlich habe ich sogar ein ziemlich schlechtes Gehör. Ich habe auch keinen besonders guten Plattenspieler. Vielleicht hilft das auch, weil Platten ja nicht besser klingen als digitale Musik. Nur halt anders. Ich bin bequem. Ich liebe das Internet und die Möglichkeit dort alles zu finden. Ich gehe nicht einmal so furchtbar gern in Geschäften einkaufen. Es gibt eigentlich keine wirkliche Erklärung, warum ich mir Schallplatten antue. Vielleicht ist es einfach etwas, das ich mag und vielleicht muss ich gar nicht so genau wissen warum. Und wahrscheinlich ist es sowieso auch wieder nur eine Phase.

Meine Plattensammlung

Ich habe eine Spotify-Playlist mit Songs von Alben aus meiner Plattensammlung gebastelt. Das sind nur die neu(er)en Alben, nicht die gebrauchten Sammlerstücke und Klassiker die ich von eBay und Musikbörsen habe.

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.