Sherlock, Season 3

Als ich nach dem 29C3 aus dem Zug steig war ich der Kongress-Grippe schon zwei Tage voraus. Ich wechselte vom Urlaub direkt in die Krankschreibung und fiel in ein Loch aus Langeweile... ein Loch, das sich durch binge watching stopfen ließ. Und so kam es, dass ich - getrieben vom mich im Internet umgebenden Fandom - die ersten beiden Staffeln der BCC-Serie Sherlock schaute.

Und ich mochte sie. Benedict Cumberbatch war mir bisher unbekannt, aber seine Interpretation von Sherlock Holmes war fantastisch. Martin Freeman kannte ich aus dem Hobbit und dem Anhalter. Wenn die Serie unterm Strich auch "nur" aus etwas mehr als einer Hand voll gut gemachter Krimis mit ein paar netten, modernen Stilmitteln bestand, es machte unglaublich viel Spaß zuzusehen. Die zweite Staffel endete mit einem Cliffhanger und nach einem langen Jahr des Wartens begann die dritte Staffel - nahezu zur gleichen Zeit, in der ich die ersten beiden sah. (Diesmal war ich zum Glück nicht krank.) Und... ich mochte sie zunächst nicht.

Die Staffel begann mit der scheinbaren Auflösung des Rätsels, das "The Reichenbach Fall" hinterlassen hat und machte schon ein Problem dieser Staffel deutlich: Sie kennt inzwischen ihr Fandom zu gut. Von Sherlocks Outfit bis zu seinen deduktiven Fähigkeiten wurde jedes seiner Merkmale überzeichnet. Er wirft seinen Mantel um, wie Superman sein Cape und sein medidativer "mind palace" ist ein Gimmick á la Inspector Gadget. Ja, die Serie machte sich an diesen Stellen auch über sich selbst lustig, aber für wirkliche Selbstironie müssten sie dabei weniger selbstverliebt sein. Das Ergebnis ist dann meistens eher albern und auf die Fans zugeschnitten.

Wird der Blick vor allem auf eine Zielgruppe geworfen bleiben andere Aspekte auf der Strecke. In den ersten beiden Folgen wird gerade Sherlock so sehr überzeichnet, dass er mehrmals out of character wirkt. Obwohl seine Arroganz ständig thematisiert wird wirkt sie kaum noch wie eine Folge seiner Unsicherheit im Umgang mit Anderen. Er nutzt Menschen aus und manipuliert sie. Dass er ständig ihre Gefühle verletzt ist nicht seiner Unerfahrenheit im Umgang mit Menschen geschuldet, er scheint regelrecht Spaß daran zu haben. Selbst seine Entschuldigung ist letztendlich nur Teil eines Witzes.

Etwas anders verhält es sich mit Watson. Hier stört mich vor allem Martin Freeman. Zu präsent sind noch die Berichte über seine wiederholten misogynen, rassistischen und klassistischen Äußerungen. Das sind in dieser Häufigkeit keine Ausrutscher und in ihrer Heftigkeit keine unüberlegten Witze. Die Äußerungen eines Schauspielers außerhalb seiner Rolle kann ich nicht direkt der Serie ankreiden, ganz losgelöst davon kann ich ihn aber auch nicht mehr sehen. Es wirft auch wieder eine Frage auf, die letztes Jahr beim Erscheinen von Ender's Game diskutiert wurde: in wie weit ein Werk unterstützt werden, dessen Beteiligte Ansichten hegen, die ich selbst ablehne? (Ich weiß beispielsweise, dass ich mir die Fortsetzung von Sin City nicht wie den ersten Film mehrmals im Kino ansehen werde, weil ich heute mehr über Frank Miller weiß, als noch vor 9 Jahren.)

Meine Kritikpunkte wurden durch die unterdurchschnittlichen Drehücher der ersten beiden Episoden deutlich. Verwirrende Schnitte ließen viele Szenen beliebig wirken, fiktive Sequenzen und Rückblicke wurden immer wieder eingeworfen und erzeugten statt einer verwobenen Collage eher ein verwirrendes Durcheinander. Trieben in den ersten Staffeln jeweils einzelne Fälle die Handlung vorran waren sie hier nur Lückenfüller und dienten als Hintergründe für Sherlocks Rückkehr und Watsons Hochzeit. Die Autoren waren wohl selbst zu unsicher, ob das allein eine ganze Folge trägt.

Der schwache Eindruck änderte sich schlagartig in der letzten halben Stunde von "The Sign of Three". Die Suche nach dem Mörder erzeugte erstmals Spannung. Unter dem unerwarteten Druck brach Sherlocks Menschlichkeit durch und seine Beziehung zu Watson schien kurz nachvollziehbar. Ohne die wahllosen Szenenwechsel korrespondierte das Gefilmte erstmals mit seiner Konzentration auf das Geschehen um ihn herum. Die dritte und letzte Episode konnte das gewonnene Tempo aufrecht erhalten und brachte die Serie wieder auf das alte Niveau. Dass die ersten beiden Episoden so schwach waren passt auf eine merkwürdige Art zu der Charakterisierung von Sherlock und Watson. Erst ihr Job, ein Rätsel das es zu lösen gilt, füllt ihre Leben wirklich aus. Auch wenn diese Metaebene sicherlich nicht beabsichtigt war bestätigt es mich darin, dass "Sherlock" am besten Funktioniert, wenn das Drehbuch ein stabiles Gerüst in Form eines Falles oder eines starken Gegenüber gibt.

Es bleiben also gemischte Gefühle. Einerseits waren die ersten beiden Episoden so schwach, dass ich mir schon sicher war, die Serie hätte den Hai übersprungen. Die letzte Episode schloss dann überraschend wieder an das gute Writing und eine weniger flachen Charakterierungen der ersten Staffeln an. Das Ende war stark und der Cliffhanger lässt kaum eine Wahl, als auf die nächsten Folgen zu warten. Hoffentlich halten die Drehbücher dann auch von Anfang an mit und vielleicht ist sogar mal ein wenig mehr Platz für weibliche Charaktere.

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.