The Wolf Among Us

"The Wolf Among Us" ist die Fortsetzung eines der meist ausgezeichneten Spiele des Jahres 2012, "The Walking Dead". Nein, eigentlich ist es das nicht. Einerseits ist der Vergleich unfair, "The Wolf Among Us" sollte als eigenes Werk angesehen werden. Aber Telltale muss ihn sich dennoch gefallen lassen. Zu ähnlich ist die Spielmechanik, zu nah am Vorgänger der Grafikstil. Und wieder erstreckt sich die Geschichte über fünf Episoden.

Das Spiel basiert auf der Comic-Reihe "Fables", in der diverse Märchenfiguren und Fabelwesen nach einem Exodus aus ihrem Universum nach New York getrieben wurden, wo sie versteckt zwischen den "Mundies", wie die Muggel genannt werden, in einer eigenen Community namens Fabletown leben. Dem Mix aus manchmal schon parodistisch stereotypem Neo-Noir-Thriller und düsterer Märchen-Adaption gelingt der Sprung vom Comic zum Videospiel gut - zumindest wenn eins mit Filmen wie "Taxi Driver" etwas anfangen kann. Dem stilistischen Thema folgend gibt es bald einen ungeklärten Mordfall. Die Suche nach dem Serienmörder (oder der -mörderin) aus den eigenen Reihen gehen allerdings vergleichsweise zahm vorran. Statt durch die Hinterhöfe zu ziehen und wahllos Informationen aus Verdächtigen zu prügeln werden Schauplätze in klassischer Krimi-Art durchsucht und - deutlich wichtiger - Anwesende befragt.

Protagonist Bigby - eine Abkürzung von Big Bad Wolf - ist der tatsächliche böse Wolf und ebenso wurde er nach New York übersetzt - als einsamer Wolf, als zwielichtiger, kettenrauchender und Bourbon trinkender Detektiv mit einem heruntergekommenen Apartment und schlecht sitzender Krawatte, fernab jeder Heldenverehrung. Wird er zu sehr provoziert gelingt es ihm nicht mehr, gelassen zu bleiben, dann scheint seine verborgene animalische Seite durch, impulsiv und brutal. Bigby ist ein hypermaskuliner, weißer Antiheld - was es deutlich schwerer macht, sich mit ihm zu identifizieren und auch zu einem uninteressanteren Charakter macht, als Lee und Clementine in “The Walking Dead”.

Die Figuren werden nicht als leere Leinwände eingeführt und Spielende werden nicht gemeinsam mit ihnen in eine für alle unbekannte Situation geworfen. Anders als die Zombieapokalypse besteht Fabletown schon lange Zeit. Wer “The Wolf Among Us” spielt wird in eine Welt geworfen, deren Figuren schon Geschichten miteinander haben. Es gibt eine Enzyklopädie, aber die Hintergrundinformationen müssen erst durch den Fortschritt in der Handlung freigeschaltet werden. Es gelingt der ersten Episode dennoch ausreichend, eine Einführung in Fabletown und seine Figuren zu geben - wobei das auch den mythologischen Vorlagen zu verdanken sein dürfte. Wenn Bigby auf den Jäger aus Rotkäppchen und eins der drei kleinen Schweinchen trifft rollen diese beläufig ihre Vergangenheit auf - manchmal etwas zu gewollt - was zusammen mit dem Wissen um die Märchen auf die ganze Welt der Fables schließen lässt.

Im Verlauf der ersten Episode offenbart sich nicht nur ein Blick in die düsteren, persönlichen Geschichten von Fabletowns Anwohner_innen, sondern auch hinter seine politischen Strukturen. Der ängstliche wie unsypatische (stellvertretend) regierende Ichabod Crane kommandiert seine Angestellten - allen vorran Snow White - herrscherisch. Die Bevölkerung ist untereinander gespalten. Fabletown ist klar in Klassen unterteilt, simplifiziert auf die Reichen und die Armen - wie das im Märchen nun einmal ist. Die kleine Oberschicht kontrolliert die Geschicke und Bigby ist der Arm des von dieser Elite geschriebenen Gesetztes. Wer zu arm ist, um sich eine magische, menschliche Tarnung zu leisten wird auf die Farm verbannt, die zwar mit dem Versprechen von Sonne und frischer Luft vermarktet, von den nichtmenschlichen Fables aber als Gefängnis-artiger Ort gefürchtet wird.

Es ist für vertriebene Fables nicht selbstverständlich nach Fabletown reisen zu können. Es herrschen strenge Einlasskontrollen, welche von Anfang an zur Festigung der gesellschaftlichen Spaltung beigetragen haben. Aber das System ist nicht unhinterfragt und wird auch von privilegierteren Fables in Frage gestellt. "It's just a broken system. Maybe there are better ways to fix things outside of the system." Dass Themen wie Rassismus und Migrationspolitik teils so direkt angesprochen werden macht es umso verwunderlicher, dass so gut wie alle Figuren im Spiel weiß sind. Das könnte mit der Herkunft der Figuren aus europäischen Sagen begründet werden - aber das wäre nicht mehr als eine Ausrede. Wie ernst der politische Aspekt der Geschichte zu nehmen ist muss sich im Verlauf der nächsten Episoden zeigen.

Nach etwa zweieinhalb Stunden heißt es "to be continued" und die Frage vom Anfang lautet: Ist "The Wolf Among Us" so gut wie "The Walking Dead"? Nein, das ist es nicht. Aber es braucht wohl erst diese Erkenntnis, um sich endgültig klar zu werden, wie unpassend der Vergleich ist. Denn es ist trotzdem eine gut erzählte Geschichte. Kurz vor dem Abspann wird die Faszination von Telltales Erzählmechanik klar, ganz unabhängig von den Charakteren oder der Handlung: Das Gefühl der eigenen Ohnmacht angesichts der unabänderbar scheinenden Ereignissen, die unveränderlich ihren Gang nehmen als Kontrast zu dem Gefühl der Verantwortung, wenn die eigenen Entscheidungen ein Leben jenseits des eigenen beinflussen. Diese Episode endet mit einem Schlag in die Magengrube und auch ein zweites Durchspielen konnte daran nichts ändern. Es wurden Ereignisse angestoßen und der Geschichte bleibt nach dem gemächlichen Start nur noch eine Richtung: die der weiteren Eskalation. Und die_r Spieler_in trägt die Schuld.

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.