Transgender Dysphoria Blues

Heute erschien Against Me!'s neues Album "Transgender Dysphoria Blues" auf Spotify. Das offizielle Releasedatum ist eigentlich erst am Dienstag. Um so besser, das Warten wurde um zwei Tage verkürzt. (Es gab auch schon vorher einen Stream, aber der ging irgendwie an mir vorbei.)

Beim Hören suchte ich nebenbei die Texte der Songs und stieß zufällig auf einen kurzen Review zur Single "True Trans", die bereits 2013 erschein und zwei Songs vom neuen Album enthielt. Alles in allem positiv wird dort als Kritikpunkt der Songtext von "True Trans Soul Rebel" angebracht:

[...the song] is brought down by its lyrics, which often come across as overly boastful about the fact that she’s a woman now. “Does God bless your transsexual heart?” is so blatant that it comes off like she's bragging about her gender transition.

Laura Jane Grace gibt mit ihrer Transsexualität an? Wohl kaum, in einer transphoben Gesellschaft, in der sie in Interviews und Kommentarspalten endlose intime Fragen und "Witze" über sich ergehen lassen muss. Könnte es eher sein, dass (cissexuelle) Fans das Thema unangenehm finden?

Teile seines Lebens in irgendwelchen mehrdeutigen Formulierungen ausdrücken zu können oder zu müssen sind zwei verschiedene Dinge und erteres muss eins sich erst mal erlauben können - dadurch, dass sie ohnehin bekannt und akzeptiert sind.

Transsexualität ist im Mainstream der Rockmusik praktisch unsichtbar. Hier steht es offen im Titel des Albums, in den Texten vieler Songs. Ich sehe in dieser Direktheit eine Aussage. Punk Rock spricht (manchmal vielleicht auch durch das fehlende Können, aber das ist ein anderes Thema) Dinge nicht subtil an. Würde jemand Refused vorwerfen, ihre Kapitalismuskritik zu radikal formuliert zu haben? Oder dass Bikini Kill zu unsubtil über Sexismus singen? Eher nicht.

Graces Texte werden durch die Direktheit nicht schwächer. Wenn überhaupt, dann werden sie dadurch stärker. Es sind vermutlich ein paar der persönlichsten Zeilen, die sie je aufnahm, eben weil sie wenig hinter Metaphern versteckt. Allen zu sagen, wer sie wirklich ist ist wichtig, für sie selbst und auch für andere. Sie sang bereits 2007, damals noch unter dem Namen Tom Gabel, im Song "The Ocean":

If I could have chosen, I would have been born a woman, my mother once told me she would have named me Laura

Die Zeile klingt heute offensichtlich. Aber es dauerte noch sechs weitere Jahre, bis sie wirklich offen über sich sprechen konnte.

Das Album ist übrigens toll. "White Crosses" ging irgendwie an mir vorbei, obwohl ich die Alben bis "New Wave" davor alle rauf und runter gehört habe. Aber mit der neuen Besetzung und der ruppigen Produktion der neuen Songs kann ich kaum darauf warten, Against Me! noch mal live zu sehen.

Sofakissen

Erfinder des Facebook-Nicknames, Profeminist, Alltagsvegetarier, Ponyfreund, Internetbewohner, Podcaster. Gratuliert nie zu Geburtstagen.